Weiterbildung zum Thema Umgang mit Alkoholabhängigkeit in der Altenpflege

Insbesondere liegt der Schwerpunkt der Schulung auf dem Korsakoff-Syndrom, einem Thema welches bei einem Alkoholiker, einer Alkoholikerin unterschätzt wird und in der Altenpflege zu Belastungen führt.

1. Einleitung und Bedarfsanalyse

Alkoholabhängigkeit im Alter ist eine komplexe und weit verbreitete Herausforderung, die Pflegeeinrichtungen vor erhebliche pflegerische, ethische und rechtliche Fragen stellt. Ein professioneller und empathischer Umgang mit betroffenen Bewohnerinnen und Bewohnern ist nicht nur entscheidend für deren Lebensqualität und Gesundheit, sondern auch ein zentraler Faktor für die Arbeitszufriedenheit und psychische Entlastung des Pflegepersonals. Diese Weiterbildung zielt darauf ab, die Handlungssicherheit im Team zu stärken und ein einheitliches, von Respekt und Fachwissen geprägtes Vorgehen zu etablieren.
Eine interne Umfrage unter den Mitarbeitenden hat die Dringlichkeit dieser Maßnahme eindrücklich bestätigt. Die Ergebnisse offenbaren eine Mischung aus emotionaler Belastung, Wissensdefiziten und dem expliziten Wunsch nach fachlicher Unterstützung.

Emotionale Belastung und negative Grundhaltung Die erste Reaktion auf die Ankündigung eines alkoholisierten Patienten spiegeln die hohe emotionale Belastung und die antizipierte Schwierigkeit der Pflegesituation wider.

Wissensdefizite und Vorurteile Die Antworten aus der Klinik- und der Pflegepraxis zeigen erhebliche Unsicherheiten im Umgang mit der Thematik. Während einige Mitarbeitende über Fachwissen verfügen, geben andere offen zu, „wenig“ über Suchtverhalten zu wissen. Die Betreuung wird als „sehr schwierig“ beschrieben, oft verbunden mit der Angst vor aggressivem Verhalten.

Konkreter Schulungsbedarf Die Mitarbeitenden formulieren auf Befragung klare Wünsche an eine Weiterbildung, die direkt aus ihrem Pflegealltag abgeleitet sind. Sie fordern konkrete Werkzeuge und fundiertes Wissen, um den Herausforderungen kompetent begegnen zu können. Zu den zentralen Forderungen gehören:

  • Strategien zur Gesprächsführung, insbesondere mit unkooperativen Bewohnern.
  • Methoden zum Umgang mit eigener Aggressivität und zur Deeskalation.
  • Fundiertes Wissen über das Krankheitsbild, die Pathologie (z.B. Leberzirrhose, Korsakov-Syndrom) und die verschiedenen Phasen der Sucht.
  • Kenntnisse über geeignete Therapieangebote, Kliniken und Anlaufstellen für Betroffene und deren Angehörige.
  • Klarheit über die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Rolle der Einrichtung.

Die folgende Weiterbildung ist nicht nur eine Wissensvermittlung, sondern eine gezielte Intervention zur Stärkung der personalen und professionellen Resilienz.

2. Ziele der Weiterbildung

Die Lernziele dieser Weiterbildung sind kompetenzorientiert und direkt aus der Bedarfsanalyse abgeleitet. Sie zielen auf eine nachhaltige Professionalisierung in den drei zentralen Bereichen der Fach-, Sozial- und Handlungskompetenz ab, um die Lücke zwischen pflegerischem Anspruch und täglicher Realität zu schließen. Das übergeordnete Ziel ist es, das Pflegepersonal zu befähigen, suchtkranken Bewohnern mit Professionalität, Empathie und Sicherheit zu begegnen. Dies trägt maßgeblich zur Entlastung des Personals, zur Verbesserung der Pflegequalität und zur Sicherung der Lebensqualität der Betroffenen bei.

Die Weiterbildung zielt auf die Entwicklung von Kompetenzen in drei zentralen Bereichen ab:

  • Fachkompetenz: Die Teilnehmenden erweitern ihr theoretisches Wissen über Alkoholismus im Alter.
    • Sie verstehen die Unterschiede zwischen riskantem Konsum, Missbrauch und Abhängigkeit.
    • Sie kennen die verschiedenen Typen alkoholabhängiger Senioren („Early-Onset“, „Late-Onset“, „Rezidiv-Alkoholiker“) und deren spezifische Hintergründe.
    • Sie können die vier Phasen der Suchtentwicklung und die Kriterien eines Abhängigkeitssyndroms nach ICD-10 benennen (z.B. starker Konsumzwang, fortschreitende Toleranzentwicklung, körperliche Entzugserscheinungen).
    • Sie verfügen über Grundkenntnisse zu relevanten Folgeerkrankungen (z.B. Leberzirrhose, Korsakov-Syndrom) und Entzugserscheinungen (z.B. Tremor, Delir).
  • Sozial- und Kommunikationskompetenz: Die Teilnehmenden stärken ihre Fähigkeiten im direkten Umgang mit Betroffenen und deren Umfeld.
    • Sie können professionelle Gespräche mit suchtkranken Bewohnern führen, auch in unkooperativen Situationen.
    • Sie sind in der Lage, das Thema Alkoholismus offen und ohne moralische Bewertung anzusprechen.
    • Sie können Angehörige für das Thema Co-Abhängigkeit sensibilisieren und entsprechende Gespräche führen.
  • Handlungskompetenz: Die Teilnehmenden erlangen Sicherheit in der praktischen Umsetzung von Pflegemaßnahmen und Interventionen.
    • Sie können Symptome eines versteckten Alkoholkonsums sicher erkennen und dokumentieren.
    • Sie kennen und wenden deeskalierende Strategien im Umgang mit aggressiven oder desorientierten Bewohnern an.
    • Sie können den rechtlichen Rahmen zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Bewohners und der Fürsorgepflicht der Einrichtung abwägen und anwenden.
    • Sie wissen, an welche internen und externen Stellen (Ärzte, Suchtberatung, Kliniken) sie sich wenden können.

Die Erreichung dieser Ziele wird durch eine klare Definition der Zielgruppe und der organisatorischen Rahmenbedingungen sichergestellt.

3. Zielgruppe und Rahmenbedingungen

Zielgruppe: Alle Pflegefach- und Pflegehilfskräfte der Einrichtung. Teilnehmerzahl: Max. 15 Personen pro Schulung, um einen interaktiven Austausch und die Bearbeitung individueller Fragen zu ermöglichen. Umfang: 8 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten (ganztägig). Ort: Schulungsraum der Einrichtung. Referent: Populärwissenschaftlicher Autor und Dozent Holger Kiefer mit Expertise bei Alkoholerkrankungen mit Veröffentlichungen für Mediziner, Fachpersonal und Suchtberatung.

Auf dieser Grundlage werden die folgenden, modular aufbereiteten Schulungsinhalte vermittelt.

4. Modulare Schulungsinhalte

Der modulare Aufbau folgt dem didaktischen Prinzip vom Allgemeinen zum Spezifischen. Er ermöglicht es den Teilnehmenden, zunächst eine fundierte Wissens- und Haltungsbasis zu schaffen (Module 1-2), bevor sie diese in konkrete kommunikative und pflegerische Handlungsstrategien überführen (Module 3-5). Jedes Modul kombiniert theoretischen Input mit praktischen Anwendungsmöglichkeiten, um einen optimalen Lerntransfer in den Pflegealltag zu gewährleisten.

Modul 1: Grundlagen – Alkoholismus im Alter verstehen

  • Reflexion der eigenen Haltung und unbewusster Vorurteile: Gemeinsame Analyse der anonymisierten Umfrageergebnisse zur Sensibilisierung für emotionale Belastungen.
  • Vermittlung von Definitionen und Fakten: Unterscheidung von Konsumformen, Prävalenz und Besonderheiten des Alkoholkonsums im Alter.
  • Vorstellung des Krankheitsbildes: Typen („Late-Onset“, „Early-Onset“), die vier Phasen der Suchtentwicklung (inkl. Phänomen des „Craving“) und das Abhängigkeitssyndrom nach ICD-10 mit diagnostischen Kriterien (z.B. Kontrollverlust, Toleranzentwicklung).
  • Erläuterung somatischer und psychischer Folgen: Überblick über häufige Folgeerkrankungen (Korsakov-Syndrom, Leberzirrhose), Entzugserscheinungen (Delir, Tremor) und differenzierte Abgrenzung zu anderen Tremor-Arten (z.B. Parkinson-, essentieller, zerebellärer Tremor).

Modul 2: Rechtliche und ethische Dimensionen

  • Bearbeitung des pflegeethischen Spannungsfelds: Diskussion des Dilemmas zwischen Autonomie (Recht auf Rausch, Art. 2 GG) und der Fürsorgepflicht der Einrichtung sowie dem Schutz Dritter.
  • Klärung der rechtlichen Grundlagen: Verbindlichkeit der Hausordnung und die Grenzen der Selbstbestimmung bei Selbst- oder Fremdgefährdung.
  • Verankerung der institutionellen Handlungsprinzipien: Vorstellung der Grundsätze des Hauses (kein Tabu, keine moralische Bewertung, Transparenz).

Modul 3: Kommunikation und Gesprächsführung

  • Training des offenen Gesprächs: Vermittlung von Strategien, um Alkoholismus wertschätzend und ohne Vorwürfe anzusprechen.
  • Umgang mit Abwehr und Verleugnung: Einüben von Kommunikationstechniken für den Umgang mit unkooperativen oder abwehrenden Bewohnern.
  • Einbeziehung von Angehörigen: Das Phänomen der Co-Abhängigkeit erkennen, verstehen und im Angehörigengespräch professionell thematisieren.

Modul 4: Praktische Pflegeinterventionen und Deeskalation

  • Schulung zum Erkennen und Dokumentieren: Systematische Beobachtung und Dokumentation von Symptomen, die auf versteckten Konsum hindeuten.
  • Vermittlung praktischer Handlungsregeln: Erarbeitung konkreter Verhaltensweisen im Alltag, u.a. absolute Konsequenz, Sturzprophylaxe, sichere Medikamentengabe, Tagesstrukturierung, finanzielle Kontrollen (kein Bargeld, Information des Kiosks), Einschätzung der Suizidgefährdung und Risikomanagement bei Gewalttätigkeit (z.B. Einsatz männlicher Pflegekräfte).
  • Training zum Umgang mit herausforderndem Verhalten: Vermittlung von Deeskalationsstrategien bei Aggression und Desorientierung anhand von Fallbeispielen.
  • Anpassung der Pflegekonsequenzen: Analyse, warum aktivierende Pflegeansätze (z.B. Validation, Biografiearbeit) oft scheitern und der Fokus auf Schutz, Struktur, Krisenintervention und niedrigschwellige Einzelangebote verlagert werden muss.

Modul 5: Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Hilfsangebote

  • Definition der Rolle des Pflegeteams im Hilfesystem: Klärung von Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen.
  • Darstellung von Kooperationspartnern: Zusammenarbeit mit Hausärzten und die Bedeutung von Selbsthilfegruppen.
  • Bereitstellung von Informationen zu externen Hilfsangeboten: Übergabe einer Übersicht lokaler Suchtberatungsstellen, Fachkliniken und Notfallkontakte.

Diese Inhalte werden durch einen gezielten Mix didaktischer Methoden lebendig und nachhaltig vermittelt.

5. Methodik und Didaktik

Ein abwechslungsreicher Methodenmix ist entscheidend, um unterschiedliche Lerntypen anzusprechen und den Lernerfolg zu maximieren. Das Ziel ist es, nicht nur reines Faktenwissen zu vermitteln, sondern vor allem die Handlungssicherheit, die Kommunikationsfähigkeit und die professionelle Haltung der Teilnehmenden nachhaltig zu fördern.

  • Impulsvorträge: Kurze, prägnante Theorie-Inputs dienen der Vermittlung von Grundlagenwissen zu Themen wie Krankheitsbildern, rechtlichen Rahmenbedingungen oder den Phasen der Sucht.
  • Fallbeispielanalyse: Die Teilnehmenden bearbeiten in Kleingruppen die „Fallbeispiele aus der Praxis“. Dabei diskutieren sie die dargestellten Situationen, analysieren die Pflegekonsequenzen und entwickeln alternative Handlungsstrategien.
  • Gruppendiskussion und Erfahrungsaustausch: Moderierte Gesprächsrunden bieten den Raum, eigene Erfahrungen aus dem Pflegealltag zu teilen, schwierige Situationen zu reflektieren und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln. Dies dient auch der Verarbeitung emotionaler Belastungen und dem Abbau von Vorurteilen.
  • Rollenspiele: Diese Methode ist unverzichtbar, da sie in einem geschützten Raum die emotionale Hemmschwelle senkt, das „Ansprechen des Problems“ (ein Kernwunsch aus der Umfrage) zu trainieren und empathische Reaktionen jenseits reiner Theorie zu verinnerlichen. Simuliert werden typische Gesprächssituationen, z.B. mit einem abwehrenden Bewohner oder mit Angehörigen zum Thema Co-Abhängigkeit.
  • Handout/Materialsammlung: Die Teilnehmenden erhalten eine strukturierte Zusammenfassung der wichtigsten Schulungsinhalte. Diese enthält Checklisten (z.B. Symptome für versteckten Konsum), die „Hilfreichen Regeln“ für den Alltag sowie eine Übersicht mit Adressen und Ansprechpartnern externer Hilfsangebote.

Um den Erfolg dieser Weiterbildungsmaßnahme zu sichern, ist eine systematische Evaluation unerlässlich.

6. Evaluation und Qualitätssicherung

Die Evaluation dient nicht nur der Messung des unmittelbaren Lernerfolgs, sondern ist auch ein entscheidendes Instrument der Qualitätssicherung. Sie liefert wertvolle Erkenntnisse zur inhaltlichen und methodischen Optimierung zukünftiger Schulungsangebote und sichert die Nachhaltigkeit der Maßnahme.

Folgende Evaluationsmaßnahmen sind geplant:

  • Feedbackbogen: Direkt im Anschluss an die Schulung füllen die Teilnehmenden einen standardisierten, anonymen Fragebogen aus. Darin werden die Relevanz der Inhalte, die Qualität der Methodik, die Verständlichkeit der Vermittlung und die Leistung der Referenten bewertet.
  • Lernerfolgskontrolle: Ein kurzer, schriftlicher Wissenstest am Ende der Schulung überprüft die zentralen Fachkompetenzen, wie z.B. das Erkennen der Phasen der Suchtentwicklung oder die Kriterien des Abhängigkeitssyndroms.
  • Praxistransfer-Beobachtung: Etwa drei bis sechs Monate nach der Schulung wird empfohlen im Rahmen von regulären Teambesprechungen gezielt Fallbesprechungen zu diesem Thema anzusetzten. Hierbei wird reflektiert, inwieweit das Gelernte im Pflegealltag angewendet werden konnte und welche Herausforderungen weiterhin bestehen.

Diese Maßnahmen gewährleisten eine kontinuierliche Weiterentwicklung der  Fortbildungskultur.

7. Fazit und Ausblick

Diese Weiterbildung rüstet das Pflegepersonal mit dem notwendigen Fachwissen, den kommunikativen Fähigkeiten und praktischen Werkzeugen aus, um den komplexen Herausforderungen der Alkoholabhängigkeit im Alter professionell, sicher und empathisch zu begegnen. Sie adressiert gezielt die von den Mitarbeitenden geäußerten Unsicherheiten und Belastungen und schafft eine Grundlage für ein einheitliches, von Respekt getragenes Handeln.
Die Investition in die Kompetenz der Mitarbeitenden ist somit eine direkte Investition in die Qualität unserer Pflege. Sie trägt maßgeblich zur Entlastung des Personals bei, steigert die Versorgungsqualität für eine besonders vulnerable Bewohnergruppe und hilft, deren Würde zu wahren. Damit stellt dieses Konzept einen entscheidenden Mehrwert für die Bewohner, die Mitarbeitenden und die gesamte Einrichtung dar.

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